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schwules und lesbisches coming out |
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<<< zurück Die Angst in der Angst der Angst von Gerd Wolter
Samstag, 21. Februar 1976, schönes klares Wetter, eine Woche exakt nach meinem 34sten Geburtstag. Ein schöner Tag und an sich ein schönes Ziel vor mir, mir aber war mies, äußerst
mies. Ich hatte zu Hause gekotzt, meine Arme gegen den Leib gepresst, während ich mich an der Wasserleitung der Spülung festhielt und fragte, was in aller Welt mir so viel Angst machte. Ich
hatte öfter im Blatt, der Stadtteilzeitung von München, von der schwulen Teestube gelesen und wollte diese kennenlernen, da ich die üblichen Kneipen mit ihrem Wochenendgeseire und den abgespreizten Moralfingern an den Teetassen ihrer täglichen Häme nicht mehr ertragen konnte. Ich hatte Sehnsucht nach Männern. Ich hatte nach zwei Jahren fast völliger Abstinenz Gier nach männlicher Zärtlichkeit.Und Angst. Angst vor Zurückweisung. Angst vor meiner Empfindlichkeit, meiner Dünnhäutigkeit, meinen Wünschen, und Angst vor all den geliebten Männern aus der Vergangenheit, die in mir sind, denen ich nicht entkommen kann, all die Männer, die mich benutzt haben und die ich benutzte auf meiner endlos weiten Suche nach Zärtlichkeit oder nach einem Ersatzvater oder nach der Liebe, die anders ist als die klebende Liebe meiner Klettenmutter, mit ihren vollgestopften Koffern, die neben mich geknallt wurden, wenn ich wieder mal in ein Ferienlager geschickt wurde. Ich habe mit zitternden Knien noch das Klo erreicht, wie ich immer die Klos der Vergangenheit erreicht habe, wenn ich mich fürchtete. wie ich immer im Schein eines glücklichen, perfekten Mannes glänzen konnte, den man auch unwidersprochen von mir als Mann verlangen konnte, durfte. Ich hatte immer gut gelernt, dass ein großer Junge nicht weint, nicht zimperlich ist und Zärtlichkeit nur beim Abendgebet zu zeigen hatte. Ich hatte gut gelernt, dass ein erwachsener Mann seine Gefühle beherrschen und höchstens bei zugezogenen Gardinen im Bett zeigen durfte, aber auch da nur in Grenzen und nur lautlos. Seit zwei Jahren suchte ich nach meiner Wahren Identität, suchte ich nach dem, was mich ausmachte und nicht was andere Menschen aus mir machten. Verdammt schwierig, das Ganze, sehr mühsam, sehr schmerzhaft, aber auch unbeschreiblich abenteuerlich, schön, herb wie der Duft einer salzigen Brise auf den dumpfen stickigen Binnenwassern von Resignation, Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit. Ich war auf der Suche, und ich hatte mir dazu viel Mut aus einem winzigen Krug Optimismus geschöpft, der mich recht gut versorgte, aber jetzt, hier, auf dem völlig undramatischen Gang zu einer simplen Teestube völlig versagte, und ich musste mir eingestehen, dass ich schon immer Angst vor Männern gehabt hatte, nicht nur wegen meines Vaters, oder meiner Mutter, sondern ganz einfach deshalb, weil ich Angst vor mir als Mann hatte, weil ich mir nicht vertraute. Nachdem ich aus lauter Nervosität durch die Holzstraße, die Westermühlstraße, die Klenze-, die Ickstatt-, die Blumenstraße geirrt war, stand ich endlich wieder bei der U-Bahn, da, wo ich hergekommen war, wo ich den Weg zur Teestube begonnen hatte. Langsam stieg ich wieder die Treppen zur U-Bahn hinunter, wollte erleichtert nach Hause fahren . . . . Jetzt reichts, sagte ich und machte kehrt, ging den wunderschönen Weg durch das alte Viertel an der Pestalozzistraße, sah mir die alten Häuser, das vergammelte Pissoir an, suchte den schmalen Einstieg zum Glockenbach hinunter und lehnte mich auf die Abgrenzung des Weges, sah auf das dunkle Wasser des Baches und lachte, lachte aus vollem Halse und mit klopfendem Herzen, aber befreit. Spaziergänger sahen mich an, wunderten sich wohl, dachten möglicherweise: Irrer, aber ich war befreit, befreit von einem kleinen Teil meiner Ängste nur, doch frei. Ich ging dann in die Teestube, sie machte auf mich einen vergammelten, daher aber freundlichen Eindruck, im Gegensatz zu den anderen Kneipen, den Lackbildern längst vergessener Träume. Ich klingelte, wurde eingelassen, und da waren sie nun, alle diese Männer meiner Ängste. Da war der große Politredner mit dem Touch des alternden Knaben, der aggressive Besoffene und seine Einsamkeit, der Lehrer in seiner Furcht vor Entdeckung, der schnoddrige Polytechnikumstudent im zweiten Semester, der alte Mann, der nichts sagte, und die Clique, deren Lautstärke beim Eintreten eines jeden Neulings zu leise raspelnder Neugier wurde, um nach erfolgter Taxierung wieder in schrilles Gelächter auszubrechen. Da war der Mann mit der verkrüppelten Hand, da waren die Wortlosen, die Lässigen, die Ängstlichen. Und sie verhielten sich genauso wie ich – sorgsam darauf bedacht, Gefühle im Rahmen unverbindlicher Partygespräche zu kanalisieren und mit Erleichterung zu notieren, dass wir alle doch noch kritisch über unsere miserable Situation als Schwule in dieser Gesellschaft reflektieren können. Alles sehr cool, jung, dynamisch und nach allen Seiten offen. Die alten Schwulen und das schwule Altern sorgsam ausgeklammert, wie überhaupt ganz spezifisch schwule Probleme sorgsam ausgeklammert wurden. Trotzdem fühlte ich mich sofort heimischer als in anderen Kneipen, weil hier wenigstens gedacht wurde, wenn auch nur auf dem Spiegel einer sorgsam ausgeklügelten Vertrautheit, die es jedem Neuen einfach zu schwer macht, hinter den Versatzstücken von Progressivität auch Zärtlichkeit zu entdecken. 30. März 1977, ein miserables Wetter, aber mehr klarere, angstfreie Gedanken. Ich habe mittlerweile mit den Männern der Teestube gesprochen, gestritten, kaum geschlafen, was in diesem Falle aber nicht unbedingt von Nachteil ist. Ich habe die Ängste anderer Männer kennengelernt, ihr Lachen, wünsche nach wie vor die Clique zum Teufel, oder in Bernstein gegossen, damit sie sich selber bewundern kann in ihrer ganzen selbstgefälligen Schönheit, oder besser – ich wünsche ihr mehr Warmherzigkeit und Selbstkritik. Ich habe Männer geärgert, war eifersüchtig, habe mich über mich und meine Borniertheit in Liebesdingen geärgert, habe Männer mit meiner Unsicherheit verletzt, habe Zärtlichkeit erfahren und Zärtlichkeit gegeben, und ich habe gelernt, dass ein erwachsener Mann sehr wohl ein widerborstiges und zähes, dummes Luder werden kann, wenn er sich erst nach zwanzig Jahren endlich zaghaft zu seinem Schwulsein bekennt, dass er aber auch verletzbar, ängstlich, dass er lachen, sanft und zärtlich sein darf, egal wie alt, wie groß oder wie klein er ist. Eben: Ein schwuler Mann! |