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schwules und lesbisches coming out |
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<<< zurück Mehr als schwarz und weiß Ein coming out von Eva Sind sie nicht süß, diese kleinen Mädchen, die ihren Papa, ihren Onkel oder ihren Spielkameraden heiraten wollen? So eine war ich auch. Sicher, so mit zehn redeten wir Schulkinder darüber, dass es Schwule und Lesben gibt, und es lag nahe, von dort auf die Bisexualität zu kommen. Ich bemühte mich, die ganze Sache zu verstehen, was mir vor allem bei der Bisexualität nicht ganz gelang. Nun, das war ja auch egal, die meisten Männer wollten meiner damaligen Meinung nach sowieso eine Frau und die Frauen einen Mann. Ich auch. Und ich hätte sehr verständnislos reagiert, wenn damals beispielsweise eine aus meiner Klasse gesagt hätte: "Mir sind Mädchen lieber." Da hätte nur Klartext geholfen: "Ich bin lesbisch." Dann wäre es in Ordnung gewesen. Ordnung herrschte auch lange Zeit in meinem Gefühlsleben. Ich verliebte mich in Männer und entliebte mich auch wieder. Mit Anfang 20 begann ich mir allerdings ernsthafte Sorgen darüber zu machen, welche Chancen ich als blinde, körperbehinderte Frau beim anderen Geschlecht hätte. Zwar hatte ich genug Selbstbewusstsein, mich nicht für hässlich zu halten, aber wie empfanden das die Männer - vor allem die, die mir gefielen? Irgendwann kam ich meiner besten Freundin näher - und näher - und noch näher - bis ich feststellen musste, dass ich mich wohl kaum noch als Hetera bezeichnen konnte. Inzwischen hatte ich meinen ersten Freund in die große weite Welt geschickt, aber ich war immer noch empfänglich für die Ausstrahlung von Männern. Lesbisch war ich also auch nicht; da blieb nur bi. Nun war mir zwar bei Recherchen schon mal das Wort "Coming-Out-Gruppe" untergekommen, und ich suche ja immer Gleichgesinnte zum Austausch. Wohin sollte ich mich aber wenden, wenn ein bisexuelles Coming-Out anders war als ein lesbisches? Kaum nahm ich in einem Gesprächskreis für behinderte Frauen vorsichtig das Wort "Frauenliebe" in den Mund, wurde ich auch schon an die örtliche Lesbenberatung verwiesen. Dass ich dort zunächst nicht hin ging, sondern mir eine Bi-Gruppe suchte, war sicher eine gute Entscheidung für die Anfangsphase. Allerdings merkte ich nach einiger Zeit, dass ich auch dort Außenseiterin war, und zwar nicht unbedingt wegen meiner Behinderung. Denn hier hörte ich Sätze wie: "Monogamie ist bürgerlich", "wieso denn immer entweder/oder?" u.v.m. Die herkömmliche Zweierbeziehung - mein Lebensmodell nach einer Irrfahrt in die schmerzhaft bunte Welt der Polygamie - war verpönt. Ich bekam von manchen Bi ´s im ganzen Bundesgebiet sogar zu lesen, dass nur der Mensch wirklich bi ist, der "es auch lebt", d. h. zugleich mit Männern und Frauen sexuelle Kontakte hat. Hat schon mal jemand eine Hetera-Single gefragt, warum "sie es nicht lebt", wenn sie gerade mit niemandem ins Bett geht? Die Erfahrung mit der Bi-Szene führte bei mir jedenfalls dazu, dass ich mich davon distanzierte und mich mittlerweile als queer definiere. Dass mit einem solchen Begriff, der sonst nur Insidern bekannt ist, ein Outing schwieriger ist, dürfte wohl einleuchten. Selbst ein drei-Worte-Outing á la "ich bin bi" wird ja zumindest unter Heteros oft nicht ernst genommen. Oder man wird für lesbisch gehalten, wenn man gerade eine Freundin hat. Aber auch in Gay-Kreisen grassiert die monosexuelle Epidemie: "Wir sind Lesben, die anderen sind Heteras". wer dazwischen liegt, wird bestenfalls am Rande erwähnt. Und doch kenne ich viele, die sich sowohl zu Männern als auch Frauen hingezogen fühlen, darüber aber schweigen. Es ist ja auch anstrengend, ständig erklären zu müssen, auf wen man steht, erst recht, wenn es dabei nicht mit drei Worten getan ist. Auf diese weise entstehen jede Menge Klischees. So kursiert etwa das Gerücht, wer sich grundsätzlich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühle, sei wechselweise hetero bzw. homosexuell, je nachdem, ob er oder sie eine gleich- oder andersgeschlechtliche Beziehung führe. Mit anderen Worten: Als Single wäre ich ... asexuell? Und wenn ich eine Transe liebe? Solchem Irrglauben kann man mit diesen Argumenten recht einprägsam Kontra geben. Schwieriger wird es, wenn eine lesbische Bekannte die Frage stellt: "Möchtest du nicht lesbisch sein?" Meine unmittelbare Reaktion darauf war: "Ich bin es nicht." Das ist auch das Wichtigste: Ich selbst sein zu können. Dennoch wäre es durchaus angenehm, sich das Outing unter Lesben grundsätzlich sparen zu können, zumal dort auch manchmal kein Raum dafür ist. Oder hätte ich in einem Schreibworkshop beim LFT auf die Bemerkung der Referentin, dass "wir hier alle Lesben" sind, eine Grundsatzdiskussion über sexuelle Orientierung vom Zaun brechen sollen? Denn es gibt auch Lesben, die ziemlich entsetzt reagieren, wenn man erwähnt, dass einem Männer durchaus auch gefallen können. Es ist mitunter auch bequem, allzu zudringlichen, besoffenen Heteros zu verstehen zu geben: "Junge, du bist hier auf dem falschen Dampfer." Andererseits will ich mich nicht verleugnen, schon gar nicht, wenn mir eine tolle Frau über den Weg läuft ... Bei diesem Spagat zwischen ständigen Erklärungen, die mit der Zeit nerven, und Versteckspiel ist eine Behinderung keine Hilfe. Flirten läuft bekanntlich meistens über Augenkontakt. Bis ich jemanden so nahe habe, dass ich verbal oder gar körperlich aktiv werden könnte, interessiert der/die sich schon längst für eine andere und hält mich vielleicht noch für arrogant, weil ich nicht reagiere. das ich mich nicht ohne Hilfe bewegen kann, vermittelt sicher auch oft einen falschen Eindruck. Und versuche ich es über Kontaktanzeigen, ziehen sich die Leute oft sehr schnell zurück oder reagieren gar nicht bzw. unseriös. Das liest sich dann entweder als ein "du kannst gar nicht so behindert sein, wenn du so aktiv bist", oder als ein "entschuldige, aber ich habe deine Anzeige für einen schlechten Scherz gehalten." Und wie attraktiv bin ich für Frauen, wenn auch in der Lesbenszene noch unterschieden wird zwischen burschikos und feminin, zwischen den eher sportlichen und den Kulturlesben? Irgendwo zwischen all den Kategorien versuche ich meine Position zu behaupten. Anscheinend stehe ich allein auf weiter Flur. Und doch habe ich die Hoffnung, dass die großen Schweiger eines Tages zu sprechen anfangen werden; dass nicht mehr unter den Teppich gekehrt wird, was nicht zu der Schwarzweißmalerei von hetero/homo passt; dass eine bunte Palette selbstverständlich wird. Vielleicht überlegen sich die kleinen Mädchen dann, nachdem sie 4 Wochen lang den Onkel angehimmelt haben, dass ihnen die Tante doch besser gefällt. Eva |